Ich will endlich heiraten.
Deshalb gab ich eine Anzeige auf:
“Stehst Du auch so auf junges Gemüse wie ich? Laß uns diese Früchte gemeinsam genießen. Komm sei mein Kürbis!”
Doch leider bekam ich keine Antwort. War niemand da Draußen, der meine Interessen teilte?
Ich ging raus, um die Sache in die eigene Hand zu nehmen. Melancholisch im Zimmer zu sinnieren und nach einer Seele zu schmachten brachte nichts.
Also schlenderte ich auf den übervölkerten Einkaufstraßen der Großstadt und stierte in die Augen wohlgeformter Körper, in der Hoffnung bald an deren salzigen Haut zu saugen. Ich merkte nach einer langen Besichtigungstour, daß meine Augen an den Schuhen der Damen haftete. Ich sah hochhackige Frauenschuhe, hochhackige Lackschuhe, an den Waden geschnürte, hochhackige Schuhe...
Das kann doch nicht sein wonach ich suche, sagte ich zu mir.
Und mußte an meine Kindheitssünde denken, wie ich ein Damenmuff vergewaltigte, und mit einer kurzandauernden Reue davonlief, nachdem ich ihn verhunzt hatte. Als die Dame dann ihre jasminriechenden alabastart Hände in den Muff steckte und merkte, daß jenes besudelt war, bekam sie einen Schreikrampf. Jeder stürmte sich auf sie. Das Verbrechen wurde eingehend geprüft, und die Schuld wurde den Katzenjungen zugewiesen. Wirklich, sie merkten nicht das geringste.
Nun, war es jetzt wieder soweit, daß ich etwas Lebloses brauchte? Ich dachte, ich sei darüber hinaus. O.K., als Kind war das in Ordnung, wie ich damals sehr wild und ungestüm war. Ein menschlicher Körper hätte meine Attacken wohl nicht ausgehalten; die leblosen Dinge hingegen zeigten Widerstand und sie hielten dicht. Nie haben sie meine Sünden verraten. Ich verehre solche schweigsame Liebhaber. Was ich für wilde Abenteuer mit hochhackigen Damenschuhen und weichen Moccasinns erlebt habe. Einigemale wäre ich fast Inflagranti erwischt (worden).Da meine Angebeteten das Geheimnis für sich behielten, hat keiner etwas gemerkt, und ich bin ohne Strafe davongekommen.
Nun sitze ich hier im Café - mittlerweile habe ich mir bei einer Tasse Kaffee bequem gemacht - und starre diese ausgefransten, ausgeleierten, abgetragenen, stinkenden Sportschuhe an, und ich merke, wie jenes Gefühl aus meiner Kindheit hochkommt. Muß das gerade jetzt sein!? Wie der enge Jeans jetzt drückt und er dagegen pocht ist echt... sichtbar!
Das ist ja etwas ganz neues, ein Sportschuh!
Vielleicht bin ich auf eine Affäre mit einem dreckigen Sportschuh aus?
Vielleicht ist das, wonach sich meine Seele sehnt und meine Poren sich dazu erweitern.
Meine Nasenflügel vibrieren. Ich sauge den Duft in mich. Am liebsten wäre ich hin gestürzt und hätte den Schuh von ihren Füßen entrissen. Ich überlege, ob ich sie vielleicht ganz freundlich darum bitte mir die Schuhe zu überlassen, mit einer geringen Entschädigung natürlich. Ich rutsche auf dem Stuhl hin und her, suche in meiner Hosentasche nach einem äußerst wichtigen Gegenstand. Dabei lege ich den Störenfried flach. So kann er nicht mehr länger Unruhe stiften. Aber eitel wie er ist, zeichnet sich seine volle Größe am Stoff durch. Das heißt wohl, vom Regen in die Traufe kommen. Ich verschränke salopp meine Hände vor meinem Schoß und versuche meine roten Ohren zu verstecken, indem ich ganz cool durch meine Haare streiche. Als ich mich im Panoramaspiegel erfasse, seh ich einen Mann, der bucklig dasitzt, seinen linken Arm auf seinem Schoß gepreßt hält, während seine rechte Hand an seinen Haaren rumfuchtelt.
Prompt stehe ich auf. Reiß mein Hemd aus der Hose und stelze mit schnellen Schritten aus dem Raum.
Doch ein Gefühl hat sich in mein Herz eingenistet und sekretiert eine warme Gelatine, die auf dem Membran meiner Organe krabbelt. Oh, dieses Kribbeln! Ein warmer Dampf steigt meinen Kragen hoch.
Wie ein aufgescheuchtes Huhn hetzte ich in der Einkaufspassage; stehe großäugig mal vor jenem mal vor diesem Schaufenster, stiere mit leeren Augen hinein, und versuche interessiert und erstaunt zugleich dreinzublicken, zumindestens den Eindruck zu erwecken.
Doch ich habe keine Ruhe.
Ich geh in eine diese x-stöckigen Wunderwelten hinein, dessen jedes Stockwerk ein Reich für sich ist. Jede umherirrende Seele findet hier ein passendes Ich-brauch-es-nicht-aber-ich-muß-es-kaufen-Produkt für sein medienmanipuliertes Herzchen.
Ich bewundere die schillernden Töpfe und Pfannen, heb mal das mal dies mal jenes oder das andre Teil, wiege sie, inspiziere sie, schneide Grimassen und leg sie wieder zurück mit einem Geplärr der Leute. O je, die schöne Pyramide! Tja.
Ich befühle die ganzen Stoffe der Kleider, ob einer mir zusagt. Nein, sie sind alle nicht mein Stil.
Ich bummele und schlendere so vor mich her, und habe dieses Gefühl grad vergessen, da komme ich doch in die Spielzeugabteilung.
Dann er blicke ich ihn! Als ich dieses Wesen sehe, überkommt mich dieses Gefühl wieder in zehnfacher Wucht. Krawummm!
Es heißt doch, wenn die magnetische Wärme zweier Herzen gleichartig sind, ziehen sie sich an. Es ist ein Magnetstrom von Blut zu Blut von Körpern derselben Substanz.
Genau diese Anziehung übt diese Ware auf mich aus. Sie ist ein neonpinker SLIMY in einer neonpinken Dose. Sie räkelt sich so verführerisch auf dem Regal und zieht mich magisch zu sich. Ich habe mein Pendant gefunden. Während ich zu ihm lustwandle, blinzelt mir von dem Haufen reduzierter Stofftiere ein Plüschhase zu, und ich merke, wie sich mein Gesicht verzieht. Eine Verkäuferin lächelt freundlich zu mir rüber; ich grinse bitter blöd zurück. Wenn sie wüßte, woran ich gerade denke, würde sie ihre Freundlichkeit sehr schnell verlieren. Als Baby hatte ich mal einen Plüschhasen, den ich vollsabberte und innig liebte; als Jugendlicher habe ich ihn auch geliebt, aber anders besabbert. Ich hab ihn immer noch.
Jetzt steh ich direkt vor meiner neonpinken SLIMY, und das erste was ich jetzt tun werde ist: den Deckel öffnen und meinen... Finger reinstecken.
Ooh! Pfft! Was? Pfrzt! Diese Geräusche sind etwas Besonderes. Wlak! Wlok! Ich dachte ich könnte nie wieder dieses Gefühl erleben. Uie! Jaaah. Garp! Garp!
Oh Ansprüche hat er auch noch. Garp, Garp!
O.K. heute Abend lese ich dir etwas vor, aus “Garp und wie er die Welt sah”. Örk! Aber vorher müssen wir heiraten. Aah! Oh je was will die denn!?
- Entschuldigung! Sie können die Waren nicht einfach öffnen. Wo kämen wir dahin, wenn jeder die Verpackung aufreißt! Was machen sie da eigentlich?
Ihre Freundlichkeit schien Flügel bekommen zu haben und weggeflogen zu sein. Wo habe ich bloß mein rotes Taschentuch? Soll ich ihr nun sagen, daß ich mich hier aufgeile und kurz vor einem Orgasmus stehe? Uh! Fropf!
-Ich überprüfe die Liquiditätskonsistenz der Ware. Diese Sachen trocknen allzu schnell aus, wenn sie ach so lang hier im Laden rumstehen. Sie wollen doch meinem Kind nicht zumuten mit einem ausgetrockneten SLIMY zu spielen, der weder glibberig ist, noch Pupsgeräusche von sich gibt, wenn man’s in seinem Behälter rumdrückt. Ich kaufe nichts, was ich nicht begutachte.
Pfouirtz! Wrob, Blob! Wloak!
-Hören Sie? Der hat die richtige Konsistenz der Glibberigkeit. Packen sie’s mir ein. Er hat den Furz-Test bestanden. Ich kaufe ihn.
Ich wischte meine Hand am Rand der Dose ab und blickte ernst in die erloschenen, überrumpelten Augen der Verkäuferin, die ihr Mund schloß und mit zusammengepreßten Lippen, mit dem SLIMY zur Kasse tapste. Ich zupfte mein Hemd zurecht und hopste siegreich hinter ihr her. So muß man sein: Schuldig und stark. Man muß den Anderen einfach plattreden.
-Entschuldigen Sie, aber ich wußte nicht, daß sie die Ware überprüften. Ich dachte sie wären ein Perverser, der damit komische Geräusche produziert und sich davon aufgeilt. So stehen also die Dinge. Entschuldigen Sie nochmals.
Wenn sie wüßte, was da noch anderes stand. Ich zahlte und stolzierte mit eisernem Gesicht davon, während mein Herz jauchzte und ich innerlich jodelte und schuhplattlerte.
Ich hatte mich verlobt und an der Kasse gaben wir uns das Jawort. Heute abend werde ich den honigsüßen Mond anheulen. Vor uns lagen Flitterjahre ohne Ende. War ich ein Glückspilz. Ich hatte die Frau meines Lebens gefunden. Ich würde sie lieben, bis sie austrocknete; wenn sie nicht vorher wegdampfte.
Daß ich das erleben würde, hätte ich nicht mal zu träumen gewagt. Ich dachte immer, Liebe auf dem ersten Blick sei ein Mythos.
Nun hat es mich auch erwischt. Kramwumm! Einfach so. Mann!
Wröak!
Freitag, 15. Oktober. 1999
